Selektiver Mutismus in der Schule

Selektiver Mutismus – Eltern beschreiben ihre Kinder

„Unsere Tochter geht aktuell in die 3. Klasse. Sie spricht nicht mit den Pädagogen; spricht nicht in der Klasse und nicht vor der Klasse. Aktuell spricht sie nur mit einer Freundin, die sie aus dem Kindergarten kennt und jetzt in der gleichen Klasse ist. Wenn unsere Tochter im Unterricht Fragen der Pädagogen beantworten soll, geht sie mit ihrer Freundin vor die Klassenzimmertür und gibt dieser Freundin die Antwort. Wieder im Klassenzimmer antwortet dann die Freundin den Pädagogen. Über die Jahre hinweg hat sich das so eingeschliffen; die Lehrer sind damit weitgehend einverstanden, aber jetzt steht ein Schulwechsel an. Die Freundin wird nicht in die neue Schule wechseln. Wie es in der neuen Schule wird, darüber machen wir uns große Sorgen.“

„Seit September 2018 geht unsere Tochter in die Schule. Das Schweigen, welches sie schon im Kindergarten hatte, zeigt sie jetzt auch in der Schule. Sie spricht mit niemanden und sie arbeitet nicht mit, sie verweigert. Sie arbeitet nur mit, wenn sie dabei die Hand der Lehrerin halten kann oder sich auf deren Schoss setzen darf. Noch trägt die Lehrerin das Verhalten mit, aber uns Eltern ist bewusst, dass das im 2. Schuljahr nicht mehr akzeptiert wird.“

Selektiver Mutismus

Beide Kinder leiden an selektivem Mutismus. Beide Mädchen haben Verhaltensmuster und Bewältigungsstrategien entwickelt, mit denen sie Situationen vermeiden, die ihnen Angst machen. Schulkameraden helfen, indem  sie den Pädagogen sagen „Sie/Er spricht nicht.“. Nicht zu sprechen ist fast schon zur Gewohnheit geworden. Die mutistischen Schüler fangen an, sich in die nichtsprechende Rolle einzufinden und äußern dies auch manchmal mit Sätzen wie „Du weißt doch, dass ich nicht sprechen werde.“ „Ich werde dort (Schule) nie sprechen.“

Selektiver Mutismus und seine Auswirkungen auf das Lernen

Bei Pädagogen und Klassenkameraden löst das Schweigen ein Gefühl von Irritation und Hilflosigkeit aus. Daraus kann ein wohlwollendes aber auch ablehnendes, missgünstiges Verhalten von Pädagogen und Mitschülern entstehen. Mitschüler dienen manchmal als Sprachrohr; mündlicher Notenerlass oder Pflichtenerlass wird häufig gewährt. Das mutistische Kind nimmt meist eine Sonderstellung ein bzw. steht im Mittelpunkt der Klasse.

Selektiver Mutismus, über Jahre hinweg bestehend, hinterlässt unweigerlich Spuren in der Persönlichkeit. Mutisten leiden häufiger an geringer Kommunikationserfahrung, sozialer Isolation, Ängsten/Depressionen, geringem Selbstvertrauen, mangelhafter Identitätsbildung. Langfristig entstehen intellektuelle Defizite, da Sprechen zum Wissenserwerb ausfällt. So kommt es oft, trotz gutem Potential, zu intellektuellen Defiziten. Monatelanges, jahrelanges Schweigen erfordert zudem eine ungeheure psychische und physische Energie, die auf Kosten anderer Bereiche gehen kann,  z.B. dem Lernen.

Selektiver Mutismus und Angst

Die größte Angst des Mutisten ist meist die Angst vor dem Sprechen. Selektiver Mutismus Schule JungeAuch jede Handlung, gute oder schlechte Leistung, könnte das Interesse auf das mutistische Kind ziehen und damit Sprechen notwendig machen, so seine Befürchtung. Daher kann schon die Vorstellung, eine Arbeit nicht gut genug erstellt zu haben, die Hemmung verstärken.

So entwickelt sich starke Selbstkontrolle und eine Passivität, eine abwartende Haltung; die Passivität wird auch genutzt, um bei den Mitschülern zu schauen, was gerade zu tun ist. Wenn etwas nicht verstanden wurde, fällt ja die Möglichkeit des Nachfragens beim Lehrer aus. Betroffene Kinder wirken  im Umgang manchmal starr, abweisend.

Aus Angst vor sozialen Situationen kann sich auch eine Schulangst oder Schulphobie ausprägen. Psychosomatische Reaktionen wie z.B. spontanes Erbrechen, morgendliche Übelkeit, Bauch- und Kopfweh sind dann keine Seltenheit.

Probleme können auch auftreten, wenn das selektiv mutistische Kind vermeidet, in der Öffentlichkeit zu essen und zu trinken oder die Toilette aufzusuchen. Essen, Trinken und ein Toilettenbesuch können mit Geräuschen verbunden sein, welches die Kinder vermeiden wollen.

„Die Fähigkeit über sich selbst zu erzählen, dient der Ausbildung eines autobiografischen Bewusstseins für die eigene Lebensgeschichte.“ (Die Welt 22.04.12)