Ist Psychopharmaka bei Mutismus die Lösung?

Psychopharmaka Fluoxetin

Selektiver Mutismus wird zunehmend mit Psychopharmaka „behandelt.“ In unserer Praxis, die eine Medikamentierung ablehnt, wurden mutistische Kinder erfolgreich mit der MUTARI®-Methode therapiert, die vor der Therapie Psychopharmaka wie z.B. Fluoxetin, Ritalin zur Behebung des Mutismus erhalten hatten.

Kurzzusammenfassung zu Fluoxetin

1975 wurde dem Pharmakonzern Lilly ein Patent für Fluoxetin erteilt. Es war nach Zimelidin  der zweite Arzneistoff der Antidepressiva-Generation der SSRI und wurde in den USA 1988 unter dem Handelsnamen Prozac (in Deutschland 1990 als „Fluctin“) in den Markt eingeführt. Prozac wurde aufgrund starker Nebenwirkungen vom Markt genommen. Der Wirkstoff ist in allen Ländern der Europäischen Union  verschreibungspflichtig. Die Europäische Union hat die Verschreibung für Kinder ab 8 Jahren zugelassen. allerdings mit dem Hinweis das Fluoxetin  bei Kindern unter acht Jahren nicht indiziert ist.

In der Schweiz darf Psychopharmaka (SSRI) erst ab dem 18. Lebensjahr verschrieben werden.

Informationen über das  Absetzungssyndrom von Psychopharmaka rufen Sie bitte die Seite www.adfd.org auf.

EMA (vormals EMEA) warnt vor SSRI/NaRI bei Kinder und Jugendlichen

EMA, die europäische Zulassungsbehörde  (European Medicines Agency) hat die Bewertung zu Antidepressiva aus der Gruppe der Selektiven Serotonin-Wiederaufnahme Inhibitoren (kurz SSRI) und der Noradrenalin-Wiederaufnahme Inhibitoren (kurz NaRI) abgeschlossen.

Die EMA empfiehlt den Zulassungsbehörden der Mitgliedsländer stärkere und deutlichere Warnhinweise beim Einsatz dieser Medikamente bei Kinder und Jugendlichen zu veranlassen.

Des weiteren empfiehlt die EMA jetzt, dass detailliert auf das mögliche Risiko von Suizidversuchen (Selbstmordversuche) oder -Gedanken oder feindliches Verhalten (Aggression, oppositionelles Verhalten oder Wut) hingewiesen wird. Die deutsche Fachinformationen haben derzeit in der Regeln den Hinweis, dass der Einsatz mangels klinischer Erfahrungen unterbleiben sollte. Die Hinweise sollen in den Fachinformationen zu Medikamenten mit den Wirkstoffen Italopram, Escitalopram, Fluoxetin, Fluvoxamin, mianserin, Milnacipran, Mirtazapin, Paroxetin, Reboxetin, Sertralin und Venlafaxine erscheinen. 

Inzwischen finden Sie folgenden Warnhinweis auf dem Beipackzettel von Fluoxetin

Bei Kindern über acht Jahren  ist es bei mittelschweren bis schweren Episoden einer Major Depression (ICD-10 F 33.0) zulässig, wenn die Depression auf eine Psychotherapie nach 4 – 6 Sitzungen nicht anspricht. Antidepressiva sollten einem Kinder oder Jugendlichen mit mittelschwerer bis schwerer Depression nur in Kombination mit einer begleitenden Psychotherapie angeboten werden. 

Fluoxetin kann bei jungen Menschen dieser Altersgruppen zu suizidalem oder feindseligem Verhalten führen. Es gibt nur begrenzte Langzeitdaten zur Unbedenklichkeit bei jungen Menschen dieser Altersgruppe in Bezug auf Wachstum und psychische Entwicklung. Die Indikation Zwangsstörung musste aufgrund der Nebenwirkungen zurückgenommen werden und wird heute als „bedenklich“ eingestuft.

Die EMA hat die Zulassung von Fluoxetin auf drei Diagnosen (Major Depression, Bulimia Nervosa und Pre-Menstrual Dysphoric Disorder (PMDD) abgestellt. Mutismus, ob selektiver oder totaler, wird in der Zulassung nicht genannt. Dies bedeutet, dass Fluoxetin bei Mutismus (ICD-10 F94.0) nicht verschrieben werden sollte.

Aktuell „Die Zeit“ Ausgabe vom 14.06.2017 mit der Überschrift „Warum sind die meisten Studien falsch, Herr Ioannidis?

Der Medizinstatistiker ist der größte Kritiker halbgarer Forschung. Ein Auszug:

„Sein Urteil fiel vernichtend aus: Infaltionär würden unnötig, irreführende und einander widersprechende Analysen verfertigt. In den vergangenen Jahren habe sich ihre Zahl verfünfundzwanzigfacht. So fanden die Autoren 21 Metastudien zur Frage ob Statine helfen, gewisse Herzrhythmusstörungen nach einer Operation zu vermeiden, und 185 Metastudien über Antidepressiva. Unter zwei Dritteln der Studien standen als Autoren Mitarbeiter von Pharmafirmen.

 

FDA (The Food and Drug Administration)

FDA macht auf die Fallberichte über die Suizidalität bei Kindern, die mit Antidepressiva wegen schwerer Depression behandelt werden, aufmerksam. Während Suizidalität bei Patienten mit schwerer Depression (Major Depression) nicht selten vorkommt, haben sich Fallberichte über Suizidalität bei Kindern unter SSRI im Vergleich zur Placebobehandlung in der gleichen Patiengruppe vermehrt.

Methylphenidat geht mit erhöhtem Risiko für Herzerkrankungen einher (British Medical Journal 2016; 353; i2550)

Es wurden Daten von 1224 Kindern und Jugendlichen (maximal 17 Jahre) analysiert, die mindestens einmal ein Rezept für Methylphenidat erhalten hatten und bei denen kardiovaskuläre Störungen aufgetreten waren. Das waren Herzrhythmusstörungen, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Herzinsuffizienz. In allen Zeiträumen in denen die Kinder Methylphenidat (z.B. Ritalin) einnahmen, beobachteten die Forscher ein um den Faktor 1.6 erhöhtes Risiko für Herzrhythmusstörungen.

Für die Praxis bedeutet dies, dass bei der Verordnung von Methylphenidat stets an ein Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen zu denken ist. Ein Kind mit angeborenen Herzerkrankungen sollte z.B. Ritalin gar nicht einnehmen.

 

 

 

Wissenswertes

Serotonin ist ein Botenstoff, wirksam u.a. im Gehirn (Neurotransmitter). Es wird  auch als „Glückshormon“ bezeichnet, da es bei guter körperlicher und seelischer Verfassung vermehrt vorkommt, bzw. bei depressiver Verstimmung eine niedrigere Konzentration gemessen wird. Eine Steigerung des Serotoninspiegels führt zu Stimmungsaufhellung. Seine Wirkung entfaltet das Serotonin maßgeblich im synaptischen Spalt, also im Übergangsraum von Nervenzelle zu Nervenzelle.

Die Serotoninwiederaufnahmehemmer sollen verhindern, dass Serotonin aus dem Spalt wieder in die Zellen aufgenommen wird. Hierdurch wird der ursprüngliche Mangel nicht behoben. Eventuell fehlt dem Körper  dadurch sogar der Impuls Serotonin zu bilden.  Reduziert sich der Impuls und wird das Mittel abgesetzt ist es denkbar, dass sich die psychische Verstimmung stärker zeigt (wie oben beschrieben). Daher ist die Behandlung von SSRI meist auf längere Zeit ausgerichtet, denn, so schreibt das klinische Wörterbuch Pschyrembel zu SSRI: „Wirkungseintritt erst nach mehreren Wochen.“

 Süddeutsche Zeitung vom 21. August 2008

„Kinder als Versuchskaninchen“

… Arzneimittel müssen vor der Marktzulassung egal in welchem Land auch an Menschen getestet werden. Medikamente an Kindern zu testen, ist für die Pharmaindustrie allerdings noch relativ ungewohnt. Es ist noch nicht lange her, dass selbst Säuglinge wie Erwachsene behandelt wurden und nur weniger Wirkstoff verabreicht bekamen. Die Erkenntnis, dass Patienten im Baby-Alter mitunter ganz andere Medikamente benötigen, eröffnete den Pharmaherstellern einen neuen Markt, zwang sie aber auch zu Tests an Kindern. Weil sich aber in den Industrieländern kaum Eltern finden lassen, die bereit sind, ihre Kinder für solche Versuche zur Verfügung zu stellen, weichen die Konzerne in ärmere Länder aus….“

Mädchen nimmt Psychopharmaka

Atomoxetin / Strattera

Atomoxetin ist ein ursprünglich zur Behandlung von Depressionen entwickelter Arzneistoff, der sich für Depressionen jedoch als unwirksam erwiesen hat und dessen chemische Struktur stark derjenigen von Fluoxetin ähnelt. Im Gegensatz zum SSRI Fluoxetin soll Atomoxetin selektiv die Wiederaufnahme (Re-Uptake) von Noradrenalin aus dem synaptischen Spalt hemmen (NARI).

Atomoxetin wurde im März 2005 in Deutschland für die Indikation ADHS zugelassen und wird unter dem Namen (Strattera) von der Fa. Eli Lilly and Company vermarktet. Atomoxetin unterliegt in Deutschland im Gegensatz zu den bislang bei ADHS eingesetzten Stimulanzien (insbesondere Methylphenidat z.B. bei Ritalin) nicht dem Betäubungsmittelgesetz.

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Hinsichtlich der Behandlung von Kindern und Jugendlichen sind prinzipiell ähnliche Vorsichtsmaßnahmen wie bei den Serotonin-Wiederaufnahmehemmern zu beachten. Darüber hinaus liegt seit September 2005 ein Rote-Hand-Brief des Herstellers vor, in dem über ein signifikant erhöhtes Risiko der Begünstigung oder Auslösung von aggressivem Verhalten, Suizidalität und Suizidhandlungen (Selbsttötung) unter Atomoxetin im Vergleich zu Placebo bei Kindern, nicht aber bei Erwachsenen, informiert wird. Bei Auftreten von Suizidgedanken unter dem Medikament soll die Einnahme beendet werden. Während der Atomoxetin-Anwendung ist aufmerksam auf Anzeichen für Suizidalität zu achten. Leberschäden sind aufgetreten und haben zu Warnhinweisen durch den Hersteller geführt.

Wikipedia, 27.12.2008

Filmempfehlung

Das Pharmakartell (Originaltitel: Das Pharmakartell – Wie wir als Patienten betrogen werden) ist ein mehrfach ausgezeichneter Dokumentarfilm aus dem Jahr 2008 von Christian Esser und Astrid Randerath. Der Film beleuchtet anhand zahlreicher, mit Betroffenen wie Insidern aus Anti-Korruptionsbehörden, Pharmaindustrie und Medizin geführter Interviews und investigativer Recherchen die Produkte und Geschäftspraktiken der Pharmaindustrie.

https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Pharmakartell